Pulau Weh – Tsunami, Karaoke und jede Menge Zeit

8. September 2018 4 Von Nicole

Der kleine Flughafen von Aceh sieht ein bisschen aus wie eine Moschee und ist gegen das Gewumsel von Medan richtig ruhig. Wie immer stehen eine Menge Taxifahrer am Ausgang, aber ich schicke sie weg, da mein Hotel mir einen Fahrer schicken wollte. Also eigentlich. Hmm……ja…..oder vielleicht auch nicht? 

Ich versuche, im Hotel anzurufen und muss feststellen, dass mein Handy keine Batterie mehr hat. Einer der Taxifahrer leiht mir sein Telefon und nach längerer Diskussion mit einem Herrn im Hotel stellt sich heraus, dass man mich vergessen hat (ach nein?!) und ich solle doch bitte auf Hotelkosten eines der Taxis am Flughafen nehmen und sie würden inzwischen mein Zimmer vorbereiten. Also gut, nochmal alles gut geklappt. Mein Taxifahrer strahlt und radebrecht mehr schlecht als recht mit mir herum. Mit Händen und Füssen erzählt er mit vom grossen Tsunami – das ist nämlich anscheinend das, was alle Touristen am meisten interessiert…..

Der grosse Tsunami am 26.12.2004 wurde durch eines der schlimmsten Erdbeben aller Zeiten ausgelöst. Das Epizentrum lag rund 160km vor der westlichen Küste Sumatras, Banda Aceh war die am schlimmsten betroffene Region Sumatras und die Stadt Aceh ist bis heute tief gezeichnet von den damaligen Geschehnissen.

Mein Fahrer erzählt mir aber von der internationalen Hilfe, die aus der ganzen Welt kam. Deutschland hat beispielsweise ein Krankenhaus gebaut und die Computer für das Hauptquartier zur Verfügung gestellt. Unzählige Helfer und alle internationalen Hilfsorganisationen waren damals hier vor Ort und halfen, das Grauen und die Trauer zu ertragen und die komplette Zerstörung und das Chaos zu beheben. Er erzählt mir von der Dankbarkeit der Menschen von Aceh und empfiehlt mir, das Museum zu besuchen.

Ich bin aber unentschlossen, Katastrophen-Tourismus ist nicht so meins…..mal schauen, vielleicht auf dem Rückweg.

Am Hotel angekommen bekommt der Fahrer tatsächlich sein Geld vom Hotel (womit ich insgeheim nicht gerechnet hatte) und ich meinen Zimmerschlüssel ausgehändigt. Mein Zimmer ist sehr klein und hat kein Fenster (find ich immer ganz schlimm) aber die Bettwäsche ist sauber und in dem winzigen Badezimmer gibt es eine Dusche mit heissem Wasser. Auf dem Tisch in der Ecke liegt ein Gebetsteppich und ein Qu’ran in arabischer Sprache. Das ist ein „First“ für mich und berührt jetzt irgendwie. Aber ich wundere mich, dass er auf arabisch geschrieben ist. Schliesslich kann doch nicht jeder Moslem arabisch lesen, oder?

Am Abend gehe ich auf die Suche nach einem Restaurant. Der junge Mann an der Rezeption – ganz offensichtlich nicht an europäische Touristen gewöhnt – ist leider nicht sehr hilfreich und so muss ich mich auf eigene Faust schlau machen. Nur ein paar Schritte die Strasse hinunter finde ich eine Restaurant, doch aus mir nicht verständlichen Gründen möchte man mir dort kein Essen verkaufen. Ob sie bald schliessen oder kein vegetarisches Essen haben oder Frauen nicht bedienen konnte ich nicht herausfinden. Also weiter gesucht und schon nach kurzer Zeit ein interessantes Plätzchen gefunden: es gibt eine Menge Tische und Stühle und davor zwei mobile Garküchen, die anscheinend das „Restaurant“ bekochen. Selbstverständlich ist hier kein Tourist weit und breit zu sehen, aber ein paar Einheimische lassen sich das Essen offensichtlich schmecken und so trau ich mich. Die beiden Köchinnen und der junge Mann, der serviert sind entzückt! Wir verständigen uns irgendwie auf ein vegetarisches Gericht und einen Eistee (also, zumindest glaube ich, dass ich das bestellt habe) und die beiden Köchinnen fangen an zu wirbeln. Jeder Gast, der das Lokal betritt streift mich mit einem neugierigen, aber freundlichen Blick und obwohl ich mich doch ein ganz klein bisschen unwohl fühle – so als Frau ganz alleine am Abend (es ist natürlich schon dunkel) im Restaurant für Einheimische (hauptsächlich Männer) – bin ich doch froh, hierher gekommen zu sein. Und als mein Essen kommt bin ich doppelt froh! Eine riesige Portion super leckeren Gemüsereis, pikant gewürzt und ganz viel frisches Gemüse, lecker! Die Köchinnen beobachten mich mit Argusaugen und als ich ihnen Daumen hoch zeige strahlen sie beide wie die Honigkuchenpferde. Ich bezahle den einheimischen Preis für diesen kulinarischen Ausflug, was gemessen an den Touristenpreisen einfach lächerlich niedrig ist und der Patron des Ladens verabschiedet sich geradzu überschwänglich von mir. Satt und zufrieden mache ich mich auf den Rückweg zu meinem Hotel.

Am kommenden Morgen bringt mich der hoteleigene Fahrer zur Fähre und schon kurz darauf bin ich auf dem Weg zur Insel Weh (Pulau Weh). Die Fähre ist ein ziemlich olles Ding, aber die Klimaanlage funktioniert hervorragend! Beinahe arktische Temeraturen sollen wohl den Reisekomfort erhöhen……uahh, schweinekalt! Es gibt eine Menge fliegende Händler, die Essen und Trinken verkaufen, sowie Knabberzeugs und Snacks. Auch in Indonesien scheint sich das Leben mehr oder weniger um’s Essen zu drehen – ich habe irgendwie das Gefühl, die Leute essen ständig und immer und überall. 😉

Ich überstehe die Überfahrt einigermassen unbeschadet und werde auf der Insel von Sturm und strömendem Regen begrüsst. Einer der Taxifahrer verfrachtet mich schnellstens in seinen Wagen und versucht dann noch schnell, ein paar weitere Fahrgäste abzugreifen. Als er damit nicht erfolgreich ist will er mir weissmachen, ich müsse nun einen höheren Preis bezahlen, da ich ja das ganze Taxi für mich hätte. Natürlich lasse ich mich auf dieses Spielchen nicht ein, sondern mache Anstalten aus dem Auto zu steigen. Damit hatte er nicht gerechnet (wahrscheinlich dachte er, der Regen würde mich abhalten!) und flugs überlegt er sich, dass ein zahlender Gast doch besser ist als gar keiner.

Wir brausen also los im strömenden Regen in Richtung Iboih, wo ich einen kleinen Bungalow gemietet habe. Die Strasse windet sich abenteuerlich kurvig auf und ab und lange Strecken durch dichten Regenwald. Kleine Läden, Häusche, Bauerhöfe und bunt gestrichene Moscheen mit teilweise goldenen Dächern säumen die Strasse und hin und wieder steht auch mal ne Kuh mitten auf der Fahrbahn. Hier scheint im Gegensatz zu Medan die Zeit beinahe still zu stehen. Der Regen hört kurz von Iboih auf und die Sonne kommt hinter den dicken Regenwolken hervor. Im kleinen Dörfchen Iboih angekommen bleibt mein Taxi plötzlich mitten auf der Strasse stehen und mein Fahrer bedeutet mir, auszusteigen. Er könne hier nicht weiterfahren, sagt er und deutet auf eine niedrig angebrachte Kette, die quer über die Strasse gespannt ist. Pragmatisch winkt er mit der Hand vage in eine Richtung und meint lakonisch, ich müsse von hier aus zu Fuss weiter gehen. Also aufgesattelt und los…..die Einheimischen schauen lächelnd aus ihren Läden und viele winken mir zu. 

Der angegebene Weg führt mich für ein paar hundert Meter am Meer entlang bergauf und bergab, an ein paar Läden und Ferienbungalows vorbei. Alles sieht ziemlich einfach aus, die Atmosphäre ist gechillt und das Meer sieht mega schön aus. Übrigens sehe ich bloss eine Handvoll Touristen – wahrscheinlich liegen die alle irgendwo am Strand. Obwohl…..es hat ja bis vor 5 Minuten noch geregnet und gestürmt! Hmm….???

In meinem Hostel werde ich sehr freundlich begrüsst und bekomme meinen Bungalow gezeigt. Der liegt sehr malerisch an einer steilen Küste mit einem traumhaften Blick auf türkisfarbenes, kristallklares Wasser und eine kleine vorgelagerte Insel. Im Inneren hält er leider nicht was er von aussen verspricht, sondern ist sogar für Backpackerverhältnisse sehr einfach. Aber hey…..man ist ja eh nie im Zimmer! Und so mache ich mich gleich mal auf ins angegliederte Café/ Restaurant und lerne dort meine komplette Gastgeberfamilie kennen. Die Chefin ist eine junge Indonesieren, die ohne Schleier herumläuft und ganz westlich angezogen ist. Sie führt hier ein freundliches Regiment mit eiserner Hand. Ihre Schwester ist zu Besuch aus Berlin, wo sie mit ihrem deutschen Mann wohnt. Sie hilft hier aus, trägt einen Schleier und gerne den traditionellen Kasack über ihren Jeans. Beide Frauen sich reizend. Und hervorragende Köchinnen, wie ich gleich feststellen kann. Hier esse ich die meisten Tage köstliche Chapati, Curries, Kokosmilchreis, Nasi Goreng und sogar mal Gemüsepasta und Salat! Und natürlich Smoothies jeden Tag. 

Das Wetter ist so lala, denn die Regenzeit ist im Anmarsch. Jeden Tag regnet es für ein paar Stunden, aber die restliche Zeit kann man schön schwimmen und schnorcheln direkt von unserem Steg aus. Aber so zum Rumliegen am Strand ist es jetzt nicht. Also lesen in der Hängematte auf meinem Balkon, auch mal einen Artikel schreiben wenn es Internet gibt (eher selten) und eine Menge quatschen mit den anderen Gästen und der Familie und den Angestellten (oder Freunden?). Und tägliche Spaziergänge ins Dorf. Schon am zweiten Tag begrüssen mich die Einheimischen, als sei ich schon immer hier gewesen. Das ist speziell hier: Iboih ist so klein, dass jeder jeden kennt und auch wir Urlauber werden da irgendwie mit eingegliedert.

Am Samstag abend nimmt uns die eine Schwester, die übrigens fliessend Englisch und Deutsch spricht und in Berlin studiert, mit in eine Bar. Hier soll es heute live Musik geben. Als wir (eine kleine Gruppe Gäste und ein paar Familienmitglieder) in der Bar ankommen sind die fünf Tische bereits voll besetzt und wir drücken uns ganz hinten noch an einen Stehtisch. Alle trinken Tee – hier gibt es tatsächlich offiziell keinen Alkohol – oder Saft und sind mächtig gut drauf. Die meisten Frauen tragen ein Kopftuch, meist in bunten Farben und mit Broschen verziert. Sie spielen damit wie westliche Frauen mit ihrem Haar. Sie sind fröhlich und lachen viel, unterhalten sich offen mit den Männern, die wiederum ganz frei, höflich und respektvoll mit ihnen umgehen. Also kein Vergleich zu dem düsteren Bild, das uns von den arabischen Ländern her bekannt ist.

Die Musik geht los und alle singen mit. Eine indonesische Frau, das Gesicht voller Runzeln, ständig eine Zigarette zwischen den vom Alter gekrümmten Fingern und ohne Schleier dafür aber mit Basecap fängt an zu tanzen und ruck zuck machen es ihr viele Leute (mehr oder weniger freiwillig) nach. Schon bald übernimmt eine Frau das Karaoke Mikrofon und dann gibt es kein Halten mehr! Indonesiche und englische Songs, Pop, Folklore und sogar richtige Klassiker werden hier performed und alle haben eine Menge Spass! 

Falls du mal reinschauen willst, klick hier für das Video. 😀 😀 Achtung!

Ich bleibe ein paar wundervolle Tage in diesem Hostel aber dann hätte ich doch gerne mal wieder eine Dusche, vorzugsweise warm, daher ziehe ich um in ein anderes Resort und bekomme ein hübsches Stelzenhaus aus Holz mit Meerblick und Hängematte auf der Terrasse und heissem Wasser in der Dusche – super. Da das Wetter nun langsam auch wider ein bisschen besser wird werde ich auch wieder aktiver und gehe mehr zum schnorcheln und schwimmen. 

Im Resort lerne ich eine Holländerin in meinem Alter kennen, die ebenfalls alleine reist. Wir beschliessen, am nächsten Tag zwei Roller zu mieten und gemeinsam die Insel zu erkunden. Hier in Idoih gibt es keine richtig offiziellen Rollervermieter, sondern alles läuft über das Hostel. Da jeder Einheimische hier einen Roller besitzt wird der bei Bedarf einfach an die Touristen vermietet und der Besitzer fährt bei einem Freund mit. So treffen wir also am Morgen auf zwei junge Männer, die uns ihre Motos samt Helm und Schlüssel übergeben, kurz winken und schon wieder weg sind. Aha….so unkompliziert kann das also auch gehen. (Mir kommt das natürlich sehr entgegen, denn ich habe ja keinen Führerschein mehr – wurde in Moorea geklaut) Wir packen uns auf die Maschinen und düsen los zur Tankstelle. Aber nun darfst du dir keine Tankstelle wie bei uns vorstellen – nein! In Indonesien (und eigentlich fast überall im ländlichen Südostasien) ist das anders! Am Strassenrand gibt es eine klein Hütte, die einen Laden beherbergt, in dem du alles Mögliche kaufen kannst: kalte Getränke, Obst, Kekse, Zigaretten, Badelatschen und eben auch Benzin. Abgefüllt in Literflaschen steht der Sprit in bunten Farben im Regal und so kann man einfach immer am Strassenrand anhalten, kurz mal einen Liter Benzin tanken und wieder losbrausen! Ich liebe diesen unkomplizierten, tadellos funktionierenden Pragmatismus mit dem die Asiaten die täglichen Bedürfnisse Aller abdecken. Diese Geschäfte sind so eine Art Mikrounternehmen und helfen dabei, eine meist ziemlich grosse Familie zu ernähren. Die Menschen, die diese Lädchen betreiben hätten sonst einfach mal gar keinen Job und kein Einkommen. Doch so erfüllen sie eine wichtige Aufgabe, verdienen ihr eigenes Geld und ganz nebenbei sind sie für mich ein steter Quell von wundervollen Begegnungen! Einmal will ich tanken und die Frau, die das Benzin verkauft steht gerade mit ihrem Baby unter der Dusche im Garten. Schnell schlingt sie sich einen Sarong um den Körper, verkauft mir das Benzin und kehrt dann wieder unter die Dusche zurück. Das Ganze wird mit einem strahlenden Lächeln begleitet.

Unsere Roller fahren erstaunlich gut und so düsen wir gutgelaunt durch die hügelige grüne Landschaft. Ganz hinauf bis ans Cap zu Kilometer Null, einem Aussichtspunkt. Hier gibt es eine tolle Aussicht über die Steilküste, ein hässliches Monument Kilometer Null, ein paar Büdchen mit Souvenirs und ein Restaurant. Wir kehren hier auf einen Drink ein und setzen uns ganz vorne an die Balustrade unter einen Baum, lassen uns die kühle Brise durch die Haare streichen und geniessen die wundervolle Aussicht. Plötzlich fällt ein Schatten über unseren Tisch, mit einem eleganten Sprung landet eine Fellkugel auf demselben, schnappt sich die Colaflasche und ist schon wieder auf dem Baum, bevor wir überhaupt mitgekriegt haben, was passiert ist. Jetzt hockt der freche Makakke im Baum, dreht in aller Ruhe den Deckel von der Flsche, setzt an und verleibt sich die restliche Limonade ein. Als die Flsche leer ist stösst er ein ärgerliches Kreischen aus und schmeisst die Flasche weg. Ein letzter verächtlicher Blick trifft uns und damit macht er sich aus dem Staub. Irgendwie sind Affen halt auch bloss Menschen……. Wir lachen aus vollem Hals und der Barbesitzer, der uns besorgt beobachtet hatte ist erleichtert und schimpft halb lachend auf die frechen Makakken.

Weiter geht unsere Tour über die Insel – wir suchen einen in unserer Karte eingezeichneten Vulkanpark. Wir haben niemanden davon sprechen hören und keine Tour wird dorthin verkauft aber auf der Karte ist er eingezeichnet und da sind wir neugierig. Kreuz und quer und hin und her fahren wir bis wir plötzlich im Wald ein verrostetes Schild finden. Während wir noch rätseln, ob wir hier wohl richtig sein könnten sehen wir eine deutsche Touristin mit einem Führer in der Nähe. Er erzählt irgendwas von einem Vulkan. Wir also flugs die Motos geparkt und dann unauffällig hinter den beiden her.

Wir gehen eine Weile durch den Wald, am Angang gibt es noch einen Weg, zwar schon ziemlich kaputt und überwachsen aber noch erkennbar und sogar ein paar Schilder. Dann durchqueren wir ein ausgetrocknetes Flussbett und steigen am gegenüberliegenden Ufer weit auf. Hier breitet sich eine Art Felsplateau aus, rauh und mit vielen Brocken durchsetzt zieht es sich teils flach teils steil nach oben. Rundherum ist dichter Wald, aber hier wächst nichts. Die Sonne knallt jetzt unbarmherzig vom Himmel, es ist sehr heiss und hier und da steigt beissender, stinkender Rauch auf! Wir sind da! Wir stehen auf einem Vulkan! Und der brummelt irgendwo tief unter uns und schickt Rauch und Schwefel an die Oberfläche. Wir kraxeln hin und her über das ganze Felsplateau und in den angrenzenden Wald, wo wir plötzlich wieder ein Schild entdecken. Wir folgen der Andeutung eines ehemaligen Pfades eine Weile, aber dann wird uns das zu unheimlich! Der Pfad ist nicht mehr zu erkennen, die Pflanzen stehen sehr dicht, sodass man kaum vorwärts kommt und von dem Führer und seiner Touristin ist schon lange nichts mehr zu sehen. Also kehren wir lieber um und schauen nochmal über das schroffe, felsige Plateau, krausen die Nase bei dem scharfen Schwefelgeruch und beschliessen, dass es jetzt aber allerhöchste Zeit wäre, an einen Strand zu fahren!

Gesagt, getan! Mit unserem Mofas fahren wir durch winzige Dörfchen, versuchen weder Hühner, noch Kühe über den Haufen zu fahren, winken Kindern zu und freuen uns über diesen wundervollen Tag. Am Strand angekommen sind wir fast die einzigen. Kaum eine Handvoll Leute geniessen dieses besondere Plätzchen Erde. Der Sand ist sehr hell, fast weiss und das Wasser ist glasklar. Mittendrin hat jemand eine Hängematte aufgestellt! Na klar, dass wir uns abwechselnd da reinlegen! 😀 😀 

Als wir am Abend in unser Resort zurückkommen sind wir schlagkaputt aber randvoll mit schönen Bildern und exotischen Eindrücken. Zwei Tage später machen wir uns erneut auf, um auch den Rest der Insel noch zu entdecken.

Wir statten der Stadt Sabang einen Besuch ab und schlendern dort über den traditionellen Markt. Neben einer Menge Gemüse und Obst gibt es auch Hülsenfrüchte, Gewürze, Trockenfisch und als Spezialität Asche-Eier (vorne auf dem Foto). Die Marktleute sind superfreundlich und versuchen, uns zu erklären, was die einzelnen Sachen sind. Oft kommt jemand hinter seinem Stand hervor und unterstützt den Nachbarn, der uns gerade etwas erklärt. Müssig zu sagen, dass das eine anstrengende und sehr lustige Art der Kommunikation ist!

Nach dem Marktbesuch schauen wir uns die neue und sehr moderne Moschee an. Wir dürfen nicht hineingehen (nur die Männer) aber aussen dürfen wir sein und schauen und sogar ein Foto machen. Wir fahren noch ein wenig durch die Stadt (wobei mich einmal fast die Polizei über den Haufen gefahren hätte!) aber es gibt nicht viel Interessantes zu sehen und so fahren wir weiter. Wir finden ein kleines Café am Strand, wo wir ein hervorragendes Mittagessen bekommen und dabei weit über das Meer schauen können. 

Plätzlich ziehen dicke Wolken auf und kühler Wind pfeift uns um die Nasen. In Sekundenschnelle wird aus dem blauen Ozean eine bleigraue Masse. Oha! Jetzt aber nichts wie los – ob wir es wohl noch schaffen bis nach Hause? Ich habe keine grosse Lust, mit dem Moto in einen tropischen Regenguss zu kommen…….

Gerade noch geschafft! Kaum habe ich die Tür zu meinem Häuschen hinter mir zugemacht, legt der Sturm auch schon los. Faszinierend, so ein Unwetter – vorausgesetzt man sitzt trocken und sicher irgendwo drinnen! 😉

Leider muss ich nach ein paar Tagen aus meinem Strandhäuschen ausziehen und meine holländische Reisegefährtin reist ab. Trotzdem will ich irgendwie noch nicht weiter. Und ich kann mich auch gar nicht so richtig entscheiden, wohin es jetzt gehen soll…..eigentlich würde ich gerne noch mehr von Sumatra sehen, aber das Wetter verschlechtert sich mehr und mehr. Was also tun, wenn man sich nicht entscheiden kann?

Ich schau mal, ob ich vielleicht noch für ein paar Tage eine schöne Unterkunft finde – und jaaa!!! Ich wohne jetzt in einem Haus direkt am Wasser. Unter meinem Balkon plätschert der Ozean ans Ufer und hier gibt es die tollsten bunten Fische zu beobachten! Es gibt eine wundervolle Hängematte auf meinem Balkon, das Essen im Restaurant ist sehr gut und ich erreiche ein neues Level an Nichtstun! Du merkst es schon, auf Pulauh Weh läuft die Zeit anders! Die Tage scheinen sich ewig zu dehnen und jeder hat Zeit. so etwas wie Stress oder Zeitdruck gibt es hier anscheinend nicht. Der Tag wird bestimmt von Sonnenauf- und -untergang, Ebbe und Flut. dem Wetter und dem ewigen, immer gleichen Ruf des Muezzins. Fünfmal am Tag erschallt der melodische Singsang und ruft die Gläubigen zum Gebet. Dann werden Läden und Lokale vorrübergehend geschlossen und die Touristen sich selbst überlassen. Nach dem Gebet wird übergangslos an die vorher ausgeführten Tätigkeiten angeknüpft.

Die Tage fliessen an mir vorbei und ich bin irgendwie in einer Art Wohlfühlwolke. Es passiert absolut gar nichts und ausser ein bisschen schnorcheln und essen gehen mache ich überhaupt nichts und trotzdem fühle ich mich pudelwohl. Es ist einfach herrlich!

Wer mich kennt weiss natürlich, dass das nur ein paar Tage anhalten kann und dann siegt wieder die Neugier über die Faulheit. So kribbelt sich also langsam die Unruhe wieder ein und ich bekomme „ichy feet“ (=juckende Füsse), was bedeutet, dass ich wieder einmal meinen Krempel zusammenpacke und mich auf den Weg mache. Denn inzwischen ist wieder ein Plan in mir gereift….

Meine Gastgeberin besorgt mir für den kommenden Tag ein Tuk Tuk, das mich schon früh morgens abholt und zur Fähre bringt. Der Abschied von Iboih und Pulau Weh fällt mir schwer. Ich hab mich hier richtig wohl gefühlt und obwohl ich ja weiter möchte bin ich doch auch ein bisschen wehmütig. Ich steh auf meinem Balkon und schau über das Meer, das zu meinen Füssen über die Steine gurgelt. Mein Rucksack steht gepackt an der Tür. Der Ruf des Muezzin schallt über die Bucht. Ein Vogel sitzt im Baum neben meinem Haus und begrüsst den neuen Tag. Eine Hupe ertönt. Mein Tuk Tuk ist da – ich muss gehen! ……….

Mein Fahrer ist eine Frohnatur! Strahlend begrüsst er mich, schnappt sich meinen Rucksack, stellt mir seine Frau vor, die bereits im Tuk Tuk sitzt und fordert mich auf, einzusteigen – alles in einem Atemzug! Mann, es ist grade mal hell und ich bin noch vom Abschiedsschmerz gebeutelt! Gnade! Aber nein, keine Gnade! Er fährt los und sie übernimmt die Unterhaltung. Also sie textet mich zu, grossteils auf indonesich (das ich nicht verstehe) oder auf acehisch (das ich auch nicht verstehe). Hin und wieder meine ich ein englisches Wort herauszuhören, aber sicher bin ich nicht. Also lächle ich sie einfach an und lass sie reden…… irgendwann fragt der Fahrer mich dann, ob ich denn in Aceh schon einen Fahrer hätte, er könne sonst einen Freund anrufen…..Ja gerne, gehe ich auf sein Angebot ein: ich brauche einen Fahrer für eine kleine Stadtrundfahrt mit Mittagessenstop und anschliessend zum Flughafen. Er ruft seinen Freund an und wir werden uns schnell einig.

Tatsächlich steht in Aceh ein Mann mit einem Schild mit meinem Namen darauf und wartet auf mich – scheint ein gut funktionierendes Geschäftsmodell zu sein! Ich freue mich, dass er da ist und ich mich nicht durch die ganze Meute an kundensuchenden Taxifahrern kämpfen muss. Sobald die nämlich sehen, dass du schon bei einem Kollegen untergekommen bist verlieren sie jegliches Interesse und du kannst völlig unbehelligt loslaufen.

Mein Aceh-Tuk Tuk ist ganz neu und hat sogar einen W-Lan Router eingebaut!! Hast du so was schon mal gesehen??! Als ob man nicht mal auf so einer kleinen Tuk Tuk Fahrt ohne Internet auskommen könnte! Wo sind wir da bloss hingekommen? Der Fahrer ist natürlich megastolz auf sein modernes Tuk Tuk und seinen Internetanschluss (selbstverständlich ist der Router ein Fake und er lässt die Kunden über den Hotspot seines Telefons surfen!) 😉

Wie auch immer, wir fahren erstmal einen Tee trinken und legen die Route für meine Tour fest. Er fährt mit mir in eine Art Teehaus-Konditorei, wo sich offensichtlich die Fahrer treffen wenn sie keine Tour haben. Er besorgt Tee und irgendwelche süssen Kleinigkeiten und alle im Laden schauen mir (als einziger Touristin) mehr oder weniger ungeniert beim Probieren zu. Mein Fahrer empfiehlt ich solle auf jeden Fall das Tsunami Museum besuchen, das Generatorenschiff, die Gedenkstätte und die Moschee. Ich habe keine Einwände und so brausen wir los. 

Banda Aceh ist eine schmucklose, relativ grosse Stadt, direkt am Ozean gelegen. Der grosse Tsunami hat fast fünf Kilometer weit ins Landesinnere alles dem Erdboden gleichgemacht. In nur wenigen Stunden wurde ein Grossteil der Stadt einfach abgerissen und weggeschwemmt. Einzig eine Moschee blieb stehen, was die Leute hier als Fingerzeig Gottes auslegten. Die Region Aceh war damals in einen schlimmen Bürgerkrieg verwickelt, denn die Region wollte unabhängig von Indonesien sein. Viel Blut wurde vergossen und der Krieg wirde brutal geführt. Doch der Tsunami hat alles verändert – Indonesien „vergass“ den Krieg und kam der Region zu Hilfe. Die Acehsen sagten „Allah ist böse über den Krieg.“ nahmen die Hilfe Indonesiens an und beendeten den Krieg. Heute scheinen die meisten Acehsen ihren Frieden mit Indonesien gemacht zu haben.

Doch die Stadt ist arm. Noch keine zwei Jahrzehnte alt und doch sehe ich überall Verfall und Armut. Damals gab es viel Hilfe und auch Geld von überall, neue Häuser wurden gebaut Strassen und Infrastruktur wieder hergestellt und was zu retten war wurde restauriert. Wer nachweisen konnte, dass er vor dem Tsunami ein Haus besessen hatte, der bekam danach eines vom Staat – soweit die Theorie. Natürlich hat dieser eigentlich löbliche Ansatz so nicht funktioniert, sondern viele haben sich bereichert, wo sie eigentlich kein Recht hatten und viele sind leer ausgegangen, obwohl sie eigentlich berechtigt gewesen wären. Und die ganz Armen waren auch nach dem Tsunami wieder die ganz Armen.

Dennoch möchte ich hier erwähnen, dass damals die ganze Welt hier mitgeholfen hat. Menschen, Waren, Know-how und viel Geld kamen in das Katastrophengebiet und halfen. Die Menschen hier sind dafür sehr dankbar. Viele sagen, insgesamt gehe es ihnen jetzt deutlich besser als vor dem Tsunami. Und sie sind froh, dass ein paar Touristen jetzt wieder in ihre Gegend kommen. Durch die Touristen gäbe es wenigstens ein paar mehr Jobs. Er habe es jetzt endlich geschafft, sich ein Tuk Tuk zu kaufen und so habe er jetzt die Möglichkeit, jeden Tag etwas zu verdienen und damit gehört er hier schon zur Mittelschicht.

Das alles erzählt er mir während wir durch die Stadt brausen zu unserem ersten Sightseeingpoint: einem riesigen Generatorschiff. Verrostet und abgewrackt steht es irgendwie mitten in der Landschaft. Es ist heute ein Museum und ich laufe auch eine Weile darin herum, doch leider sind alle Tafeln und Schilder ausschliesslich auf Indonesisch beschriftet, obwohl die meisten Besucher eindeutig Ausländer sind. 

Beim Hinausgehen spricht mich eine junge Frau mit Kopftuch schüchtern an und fragt, ob sie ein Foto mit mir machen dürfte. Natürlich, nicke ich und schon sehe ich mich umzingelt von einer kleinen Bande kopftuchtragender, zwitschernder Frauen und Kinder, die alle mit auf’s Foto wollen. Diese Szene wiederholt sich im Laufe des Tages noch mehrmals in ähnlicher Weise und ich frage mich, was die Frauen wohl mit dem Foto wollen, auf dem irgendeine fremde weisse Touristin zu sehen ist…..

Warum denn dieses Schiffswrack hier stehen würde will ich von meinem Fahrer wissen – der Tsunami hätte es losgerissen und mit ins Landesinnere getragen, fast drei Kilometer von der Küstenlinie entfernt! Oha!! Jetzt verstehe ich das erst – Mann, das ist eine Riesenschiff! Und es war ja in Betrieb, also voller Generatoren und was weiss ich was für schwere Maschinen! Eine unvorstellbare Kraft muss dieser Tsunami gehabt haben……

Wir halten an einer Gedenkstätte, wo in Marmorplatten festgehalten ist, welches Leid die Menschen hier aushalten mussten und welches Mass an Zerstörung das Beben und die anschliessende Flut gebracht haben. Es ist einfach unvorstellbar! Direkt daneben bringt das Volk von Aceh seine Dankbarkeit zum Ausdruck:

 

 

 

 

 

 

 

Auf unserem Weg zum Museum kurven wir kreuz und quer durch die Stadt und immer wieder sehe ich grosse Boote und Schiffswracks irgendwo stehen, Mahnmale einer Katastrophe, die rund einer Viertel Million Menschen das Leben gekostet hat. An einer Stelle liegt ein grosses Schiff auf den Resten eines Hauses, ein bizarres, surreales Bild. Und nicht zu vergessen, das ist mehrere Kilometer im Inland! Natürlich ist inzwischen wieder alles voller Häuser und so wirkt das Ganze noch abstruser. 

Schliesslich kommen wir am Museum an; ein riesiger Bau, der die Vorstellungen eines acehnesischen Architekten vom Tsunami in Beton gegossene Wirklichkeit werden lässt. Ein klaustrophobisch schmaler, dunkler Gang mit Wänden aus Wasser führt ins Innere des Museums, wo Bilder und Fotos der Katastrophe zu sehen sind, sowie Augenzeugenberichte und Videos. Interessante Fakten runden das Infopaket ab und obwohl es nicht das schönste Museum der Welt ist lohnt sich doch ein Besuch. 

Schon auf dem Weg zum Flughafen kommen wir noch an der wunderschönen Moschee von Banda Aceh vorbei. Und dann sind wir auf der grossen Ausfallstrasse in Richtung Flughafen und ganz plötzlich ist mein Abenteuer Sumatra zu Ende. Wundervolle Menschen habe ich hier getroffen und wieder einmal mehr festgestellt, dass weder die Hautfarbe noch die Religion irgendeinen Unterschied macht. Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse und Sehnsüchte. Alle lieben dasselbe und fürchten dasselbe. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft findet man überall auf der Welt und es bedarf gar nicht viel, all diese positiven Erfahrungen zu machen! Ein kleines bisschen mehr Offenheit. Ein kleines bisschen mehr Toleranz. Und vielleicht noch ein kleines bisschen weniger Überheblichkeit. Ein Lächeln. Von Herzen Danke sagen. Freude zeigen……eigentlich gar nicht so schwer!