Laos – Luang Prabang: französisch asiatische Lebensart

4. Dezember 2018 2 Von Nicole

Mein Flug führt mich von Medan über die malayische Hauptstadt Kuala Lumpur, wo ich eine Nacht übernachten muss nach Luang Prabang im Norden von Laos. Lange Zeit fliegen wir über die ausgedehnten Berge, die den Norden des kleinen Landes charakterisieren. Dichter Dschungel liegt wie ein Weichzeichner über den Bergen und lässt diese fast wie sanft gewellte Hügel aussehen – doch nichts könnte der Wahrheit ferner liegen! Schroffe Karstfelsen und tiefe Schluchten durchziehen die Landschaft und das Leben ist für die Bergbewohner hart und beschwerlich, heute noch fast genauso wie von hundert oder mehr Jahren.

Beim Landeanflug auf Luang Prabang fallen mir als erstes die roten Ziegeldächer auf! Seit ich Europa im Oktober verliess habe ich keine roten Ziegeldächer mehr gesehen und bei dieser heimatlichen Assoziation wird mir ganz warm ums Herz. Vom ersten Moment an fühle ich mich in diesem neuen Land irgendwie „aufgehoben“. Ein durchaus angenehmes Gefühl!

Der Flughafen von Luang Probang ist winzig und wird nur dann geöffnet wenn ein Flugzeug landet. Nach der Abfertigung der Passagier wird das Tor wieder abgeschlossen und alle gehen anderen Tätigkeiten nach. Hier steht keine Meute von Taxifahrern am Ausgang und versucht, Touristen abzugreifen. Ein paar Tuk Tuks stehen herum, eines davon hat mir mein Hostel geschickt und so kann ich ganz entspannt ankommen.

Mein Hostel liegt wie immer ein bisschen ausserhalb des Touristenviertels und entpuppt sich als modernes, blitzsauberes und mit nur vier Zimmern erfreulich überschaubares Haus. Es wird von einem blutjungen Chinesen geführt, der sich hier seinen Lebenstraum erfüllt. Er begrüsst mich sehr freundlich in fliessendem Englisch und lädt mich zu einem leckeren chinesischen Tee ein. Mein Zimmer ist geräumig und geschmackvoll eingerichtet, das Badezimmer funktionell aber für asiatische Verältnisse schön, sehr sauber und das Duschwasser ist heiss. Herrlich!

Bei der ersten Stadterkundung fällt der europäische Einfluss bei jedem Blick ins Auge. Laos war als Teil von Französisch Indochina eine französische Kolonie. Erst 1954 wurde das Land unabhängig und ist damit ein noch sehr junger Staat. Die Architektur in Luang Prabang ist wie nirgends sonst im Land von den Franzosen beeinflusst und manche der Häuser muten mit ihren Balkonen und hölzernen Fensterläden sogar fast mediterran an. Und doch vergisst man keinen Moment, dass man in Asien ist. Tuk Tuks und Mopeds beherrschen das Strassenbild, alle Frauen tragen ihr Haar lang und einen traditionellen Sarong als Überbleibsel einer aufwendigeren Tracht. Die durchweg dunklen Stoffe sind durch kunstvolle, bunte und goldene, ungefähr handbreite Borten am unteren Rockende geschmückt und werden mit einem kunstvoll und filigran gefertigten, metallenen Gürtel in der Taille gehalten. Ich finde, es sieht äusserst elegant aus. 

Die Gesichter der Menschen erscheinen mir weich, die mandelförmigen, dunklen Augen streifen das Gegenüber immer nur flüchtig, denn auch in Laos gilt es als unhöflich, jemanden anzustarren (im Westen sagen wir dazu Blickkontakt halten) und so in Verlegenheit zu bringen. Die Laoten sind eher klein und bei den Männern sucht man vergeblich maskuline Züge, beinahe androgyn anzuschauen sind sie dem momentanen (Werbungs-) Schönheitsideal recht nah. 

Wie überall in Asien gibt es jeden Morgen einen traditionellen Obst- und Gemüsemarkt.

Hier gibt es alles, was das Herz begehrt! Und auch ein paar Dinge, die für mich eher entbehrlich sind, wie zum Beispiel lebendige Aale oder Frösche, fette Maden oder Brandy mit eingelegten Skorpionen oder Schlangen.

Doch die üppigen Gemüse- und Obststände sind eine wahre Augenweide und die Mangosmoothies sind hier genauso lecker wie ich sie von früheren Reisen nach Thailand kenne. 

An einem Morgen werde ich von meinem Gastgeber zu einem echt laotischen Frühstück auf den Markt eingeladen. Zuerst schauen wir allerdings noch bei der frühmorgendlichen Sammelrunde der ortsansässigen Mönche zu. Buddhistische Mönche arbeiten nicht im herkömmlichen Sinne und haben auch keine eigenen Besitztümer, Sie leben von den Spenden der Gläubigen, die sie jeden Tag demütig in Empfang nehmen und im Gegenzug die Menschen segnen. Hat ein Kloster genügend Mitglieder, so fällt diese Aufgabe den ganz jungen Mönchen oder auch den Novizen zu. So auch hier in Luang Prabang. Beinahe noch Kinder sammeln hier die Gaben ein und es wird viel zu viel gespendet, denn ganz offensichtlich können die Mönche all dieses Essen nicht an einem Tag aufessen. Mein chinesischer Gastgeber erklärt mir, dass das Essen mit den Armen der Stadt geteilt wird und die abgepackten Spenden werden ebenfalls weitergegeben und können so am kommenden Tag wieder neu an die Gläubigen verkauft werden. Hm, auch eine Art, die Wirtschaft am Laufen zu halten. Sei es drum, ich habe inzwischen Hunger bekommen und so folge ich dem jungen Chinesen und einem weiteren Hausgast zu einem grossen Stand, an dem sich eine Menge Leute drängeln, die meiner Ansicht nach schon viel zu wach und viel zu laut sind. 😉 Die Frühstücksauswahl besteht aus Reissuppe mit Huhn oder Frühstücksei auf laotisch: das rohe Ei wird ein paar Sekunden in heisses Wasser getaucht, in ein Glas geschlagen und mit Sojasauce verrührt, fertig. Dazu gibt es eine Art Baguette (das leider weder so knusprig noch so lecker ist, wie das französische Original – aber immerhin ist es Brot, in Asien noch immer eher eine Seltenheit) und Tee. Todesmutig trinke ich das mehr oder weniger rohe Ei und bitte im Stillen alle Engel und Götter, die für das Wohl von Reisenden zuständig sind um Beistand (Ein Schelm, wer hier an Salmonellen denkt!!). Erstaunlicherweise schmeckt das Ei ganz gut, fast wie unser weichgekochtes Frühstücksei und wie sich im Laufe der nächsten Stunden herausstellen wird trage ich auch keine gesundheitlichen Schäden davon. Danke sehr! 😀

In den kommenden Tagen übernehme ich das Frühstücken lieber selber und wechsle ab zwischen der freundlichen Waffelbäckerin, die ein paar Strassen weiter ihre Köstlichkeiten für ein paar Cents frisch backt und die gesamte Nachbarschaft mit dem betörenden Duft der Waffeln erfreut und dem ein oder anderen Touristencafé. Zum Abendessen gehe ich öfter in ein Lokal, das immer voller Einheimischer ist und trotzdem eine Karte mit Bildern hat. Die blutjungen Mädchen, die hier als Kellnerinnen arbeiten verstehen kein Englisch, aber man deutet auf das Bild und hofft, dass das, was kommt essbar ist. Die Getränke holt sich jeder selbst aus dem Kühlschrank. Das Essen ist tatsächlich sehr lecker und so schaue ich immer wieder mal hier vorbei.

Ein paarmal esse ich auch auf dem Nachtmarkt, wo es mehrere Stände mit Essen gibt: frisch belegte Baguettes, gebratener Reis mit Gemüse, Hühnchen oder Fisch, sowie Grillspiesschen. Ausserdem gibt es eine Art „All you can eat-Buffet“, das eine ganz erstaunliche Vielfalt an wirklich leckerem Essen anbietet. Da das Essen hier sehr billig ist trifft sich die gesamte Backpacker Liga der Stadt allabendlich hier.

 

 

 

 

 

 

Zum Nachtisch kann sich das Schleckermäulchen auch noch frische gebackenen Kokosküchlein schmecken lassen, tropische Früchte aller Couleur geniessen oder -wer es etwas europäischer mag- im Strassenverkauf des französischen Cafés für geradezu horrende Summen süsse Küchlein, Muffins und Eclairs erstehen. Nicht zu vergessen die frischen Obstsäfte und -smoothies!!

Der Nachtmarkt ist auch abgesehen vom Essen einen Besuch wert. Hier gibt es alles, von kitschigem Touristentand über die üblichen Pludenhosen und Paschminaschals bis hin zu kunstvoll gestalteten Postkarten, Bildern, Kunsthandwerk, mit echtem Indigo gefärbte Stoffen, Schmuck, Taschen und T-Shirts. Jeden Abend werden die Stände aufgebaut und geduldig wird die Ware ausgebreitet und drapiert für die tägliche Prozession der Urlauber, die hier ihre Urlaubsdollars loswerden möchten. Die Verkäufer sind höflich und aufmerksam ohne je lästig zu werden, sie lassen bis zu einem gewissen Grad mit sich handeln und so laufen die Geschäfte gut für Käufer und Verkäufer. Tagsüber ist der Markt verschwunden und die Strasse wird vom ganz normalen Verkehr beherrscht. Tagtäglich findet diese Verwandlung statt und man erkennt kaum, dass es sich tatsächlich um die gleiche Strasse handelt.

Tagsüber habe ich jede Menge Zeit, durch die Stadt zu bummeln und mir die Umgebung anzuschauen. So besuche ich natürlich den Königspalast mit den Tempeln und steige auch auf den Hausberg, um den wichtigsten Tempel der Stadt zu besuchen und gleichzeitig eine schöne Aussicht zu geniessen. Die laotischen Tempel sind kunstvoll und wunderschön – die vergoldeten Schnitzereien sind einfach unglaublich! – aber nicht so prunkvoll wie in anderen Ländern. Riesige Hallen mit dreissing Meter hohen Statuen sucht man hier vergeblich, doch wer hinschaut erkennt überall in den Tempeln hervorragende Handwerkskunst, Hingabe  und künstlerische Inspiration. Wie ich finde ist das recht bezeichnend für Laos und die Menschen hier: sie brauchen nicht zu schreien und zu protzen und dennoch (oder sogar gerade deshalb??) sind sie und ihr Land beeindruckend!

Einen Tag lang miete ich mir ein Moto und fahre zum schönsten Wasserfall des Landes. Eine abenteuerliche Fahrt durch eine wunderschöne und üppig grüne Landschaft mit kleinen, ärmlichen Dörfchen am Strassenrand und Wasserbüffeln auf der Fahrbahn steht mir bevor! Am Wasserfall angekommen stelle ich das Moto auf dem bewachten Parkplatz ab, ignoriere die übliche Ansammlung an Buden, Restaurants und fliegenden Händlern und gehe direkt zum Wasserfall Tat Kuang Si. Ich weiss nicht genau, was ich erwartet habe, aber auf jeden Fall nicht das, was ich hier zu sehen bekomme!

In vielen verschiedenen Stufen fliesst und fällt intensiv türkisfarbenes Wasser über helle, abgerundete Steine. Das Ganze sieht ein bisschen aus, als sei es von Menschenhand gemacht, wie in einem Spa. Es ist unerwartet und wunderschön! Man kann an der Seite des Waserfalls nach oben wandern und so immer wieder neue Ausblicke geniessen. Nach dem schweisstreibenden Aufstieg werde ich mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt! Ausserdem kann ich auf eine wackelige, kleine Plattform waten – über schmale Stege und durch das nur wenige Zentimeter tiefe Wasser – und komme so direkt an die Kante, über die das Wasser dann hinunterstürzt.

Das langsam fliessende Wasser hinter mir, das schäumend zu Tal stürzende Wasser unter mir und die gesamte Landschaft bis an den Horizont vor mir – was für ein Moment!!

Auf dem Rückweg beobachte ich Reisschnitter in den Feldern, halte in dem ein oder anderen Dorf und lasse das ländliche Laos an mir vorbeiziehen. Die Menschen scheinen mir pragmatisch zu sein, verbunden mit ihrem Dorf und ihren Feldern, nicht viel fordernd und nicht viel erwartend – doch ich kann mich täuschen! Leider traf ich niemanden, der englisch sprach und so konnte ich nicht wirklich eintauchen, sondern nur von aussen schauen. Das traditionelle Leben der Reisbauern ist hart und von Armut geprägt. Viele Menschen haben kein Geld, sondern leben allein vom Ertrag ihrer Felder. Aber in den Dörfern herrscht ein starker Zusammenhalt und Riten und Traditionen, die oft schon Jahrzehnte eingehalten werden geben einen engen aber sicheren Rahmen vor. Die jungen Leute wandern oft ab in die Stadt, werden Tuk Tuk Fahrer, Kellner oder Reiseführer. Sie entkommen der Monotonie der Reisfelder, tauschen sie ein für das verlockende Sirenengeflüster der Stadt, verdienen Geld und können sich Dinge kaufen, von denen sie vorher in ihrern Dörfern nur träumen konnten. Doch der Preis ist hoch. Sie verlieren den Anschluss an ihre Gemeinschaft, die Traditionen geraten in Vergessenheit, die Kluft innerhalb der Familie wächst. Und natürlich ist auch das Leben in der Stadt nicht immer nur schön…… 

Dieser kleine Superman, den ich in einem winzigen Dorf getroffen habe muss sich noch keine Sorgen machen. Für ihn ist sein Dorf die Welt und das ist gut so.

An einem der kommenenden Tage entschliesse ich mich, mit dem Langboot den Mekong ein Stück flussabwärts zu fahren, um die Höhle der Tausend Buddhas zu besuchen. Wie sich das für eine richtige Touristenfahrt gehört wird zwischendurch angehalten, um ein Dorf zu besichtigen, wo die Einheimischen ihre hausgemachten Produkte anbieten. Hier zum Beispiel eine spezielle Art von Reis „Whiskey“ oder Schals und Tücher. 

Die Höhle an sich ist jetzt nicht so spektakulär, aber eben doch mit vielen, vielen Buddhas in allen Grössen geschmückt. Die Gläubigen fahren mit ihren Booten hierher, beten zu Buddha und bringen als eine Art Ofergabe oder Spende eine Statuette mit, die sie dann in der Höhle aufstellen. Im Laufe der Jahre wurde hier viel gebetet.

 

Das Schönste allerdings ist die Flussfahrt selbst! Der Mekong ist zwar leider schlammig-braun und müllverschmutzt, doch seine Ufer sind malerisch und die dunkelgrün bewaldeten Berge erheben sich im dunstigen Hintergrund als seien sie die mystische Kulisse eines alten Theaterstücks. Riesige Hausboote liegen am Ufer vertäut, ab und zu strahlt weiss eine Kolonialstilvilla aus dem üppigen Grün hervor, Kinder schwimmen im Fluss und versuchen, uns Touristen mit Flussschlamm zu bewerfen. Viele Männer sitzen mit ihren Angeln und Netzen in winzigen Kanus, die kaum über die Wasserkante schauen und warten geduldig auf die Fische.

Am Ufer pflegen Bauern ihre Felder, die sie im nährstoffreichen Schwemmland angelegt haben und die nach jedem Hochwasser wieder neu angelegt werden müssen. Auch hier meine ich eine Art Pragmatismus wahrzunehmen, ein Hinnehmen dessen, was ist: der Fluss steigt und fällt, der Fisch kommt und geht, alles ist wie es ist. Hmmm…… wie auch immer, ich habe diesen Tag auf dem Mekong von Herzen genossen!